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Bewegung - Wer rastet, der rostet: Förster und Sportpädagogen werben für körperliche Aktivitäten
GEA 23.05.05
Wald als Wellness-Oase für alle
VON HANS JÖRG CONZELMANN
TÜBINGEN. Räder aufgepumpt, die Waden gespannt und los: Vom Heuberger Tor aus ging's mitten hinein in die »Wellness-Oase«, deren Schönheit Forstpräsident Fritz-Eberhard Griesinger nicht müde wurde zu preisen. Als wäre der Schönbuch nicht schon längst Ausflugsziel Nummer eins in der Region, warben Förster und Sportpädagogen mit Verve für den »Erlebnis- und Bewegungsraum«, der jedermann kostenlos zur Verfügung stehe. Mit Regierungspräsident Hubert Wicker an der Spitze eröffneten sie radelnd und gemeinsam mit der Presse eine Kampagne mit dem Titel »Wald bewegt«, die helfen soll, Menschen dünner und kräftiger zu machen. Das Jahr 2005 haben die Vereinten Nationen zum Jahr des Sports und der Sportpädagogik ausgerufen. Da lassen sich auch Förster und Sportlehrer nicht lumpen.
Schwache und dicke Kinder
Denn Bewegung ist offenbar bitter notwendig. Alexander Seeger von der Unfallkasse Baden-Württemberg malte in der Radfahr-Pause ein düsteres bild an den ansonsten blauen Frühlingshimmel. Seine Zahlen sind alarmierend und zeigen, welche Zielgruppe die »Wald-bewegt«-Initiatoren im Auge haben. Jedes dritte Kind ist zu dick, jedes zweite hat Koordinationsprobleme, 60 Prozent haben Haltungsschäden. Bei den Erwachsenen sieht's nicht besser aus: Hauptgrund für Ausfalltage im Berufsleben sind Gelenk- und Muskelerkrankungen. Warum: Weil die Menschen zu viel sitzen, sagt Seeger.
Vor allem Kinder seien schlichtweg nicht mehr in der Lage, ihre Bewegungen zu steuern, ihren Körper richtig einzusetzen und sich beim Fallen richtig abzufangen. Ungeschickte und koordinationsschwache Kinder aber machen mehr Unfälle als andere. Das ist für den Einzelnen tragisch, aber auch volkswirtschaftlich bedenklich. Folgt man der These, dass fitte Kinder einen aktiven Unfallschutz besitzen, müsse man dafür sorgen, dass sie sich mehr bewegen, folgert Seeger.
Gesagt, getan. Ingrid Belz und Fee Möhrle vom Sportinstitut Tübingen waren als sportliche Begleiter für die körperliche Ertüchtigung zuständig und heizten Pressevertretern und Förstern mächtig ein. Mit einfachen Koordinationsspielen und Kraftübungen zeigten sie mitten im Wald, wo beim Schreibtischtäter die Schwächen liegen. Nebenbei brachten sie einleuchtende Botschaften an den Mann. So lässt sich der Leistungsabfall im Alter deutlich verzögern, wenn lebenslang Sport getrieben wird. Hochschulsportleiterin Ingrid Belz verkündete den keuchenden Teilnehmern, dass altersbedingte Krankheiten einer neuen Studie zufolge bei Sportlern weniger schlimm verlaufen als bei Stubenhockern. Wer so weit kommen will, fängt früh an, am besten im Waldkindergarten. Davon gibt es 40 in Baden-Württemberg, einen davon als eingetragenen Verein in Tübingen. Die Radtour führte direkt an seinem Domizil vorbei. Ohne viele Worte demonstrierte Vereinsvorsitzender Thomas Klingseis, was die Motive sind: Kinder klettern, basteln, toben, sehen Käfer, fühlen Kälte und Wärme. Den theoretischen Unterbau lieferte Christoph Anrich, Lehrer an der Kerschensteinschule und Multiplikator für die Aktion »Bewegte Schule«.
Eltern als Bewegungs-Vorbilder
Auch seine Statistik trug dramatische Züge. So sind die Hälfte der Kinder nicht mehr in der Lage, in altersgemäßem Tempo mehrere Minuten lang zu laufen. Nicht nur die Muskulatur, sondern auch die Knochen schwächeln. Immer mehr jüngere Menschen haben Osteoporose, Diabetes, chronische Rückenprobleme. »Die Folgekosten bezahlt die Gesellschaft teuer«, sagt Anrich. Seine Forderung: »Kinder brauchen eine Schule, die Bewegung in möglichst allen Unterrichtsfächern zulässt.«
Dass der Wald eine Wellness-Oase zum Nulltarif ist, konnte Graf Götz von Bülow nicht bestätigen, jedenfalls nicht für seine Buchhaltung. Als Schönbuch-Förster kennt er die Kostenfaktoren: Für vier bis fünf Millionen Erholungssuchende pro Jahr müssen Wege und Parkplätze gebaut, Abfall entsorgt und »Besucherleitsysteme« erdacht werden. Das kostet 43 Euro pro Hektar und Jahr. Zusätzlich flossen in den vergangenen zehn Jahren 400 000 Euro aus dem Naturpark-Förderprogramm der EU und des Landes in den Schönbuch. Viel Geld, aber wenig im Vergleich zu der Pflege städtischer Grünflächen, meint von Bulow.
Deshalb raus in den Wald: Regierungspräsident Hubert Wicker appellierte am Ende der Radtour an die Eltern, als »Bewegungs-Vorbilder« ein Beispiel zu geben. Der Wald könne ein »körperlich aber auch emotional bewegender Erlebnisraum« sein. (GEA)
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